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06/2017 Sadomasochismus, Bondage und Fetischismus

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Beim Sadomasochismus hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es da draußen viele Menschen gibt, die viel Geld dafür bezahlen, einfach nur ausgepeitscht zu werden und dann mit dem gleichen distanzierten Händedruck, der ihnen bei der Begrüßung zuteil wurde, auch aus dem Domina-Studio in die Freiheit entlassen zu werden.

Bitte merken: Das ist nicht – bzw. nur ganz selten so. Natürlich gibt es die reine Form eines Masochisten, der tatsächlich ausschließlich über den physischen Schmerz Lust empfindet oder gar seine inneren Konflikte über dieses Ventil entladen kann alternativ bzw. in Kooperation dessen sich selber durch Schmerz einfach endlich mal spürt und mit diesen neuen Gefühlen in der Regel sogar ohne Orgasmus vollkommen glücklich ist. Dieser deutliche Masochist ist für mich zwar einfach zu behandeln, denn ich muss mich nur noch um die physische Ausarbeitung des vorher Besprochenen kümmern, jedoch kommt dieser Typ ganz selten vor.

Jeder, der ein kleines bisschen sexuell experimentiert, kann sich vorstellen, dass es schon alleine bei einer Fesselung ganz besonders auf das Gegenüber ankommt, damit man sich wirklich fallen lassen kann. Hierbei geht es nicht nur um das in diesem Zusammenhang fast inflationär gebrauchte Wort „Vertrauen“, sondern um den Menschen, bzw. oder insbesondere der zugeordneten Rolle.

Unterschiedliche Arten von Sadomasochism

Diese Bezüge können ganz unterschiedlicher Natur sein: Manchmal erhitzt es den Sub, den Top einfach nur anzubeten. Typische Praktiken hierbei sind zum Beispiel eine Fußwaschung des Masters durch den Sklaven oder beim Dirty-Talk fallen Sätze wie „Du bist ein Gott“, „Du bist so geil“ o.ä.. Der Sub zieht seinen Lustgewinn bewusst aus seinem worshipping (engl. Wertschätzung) des Aktiven und unbewusst zusätzlich aus seiner eigenen Unterordnung.

Bei der zweiten Gruppe verschiebt sich der Fokus auf den Sub, der sich dann einfach mal mies und klein fühlen kann/darf. Er wird dabei z.B. viel angespuckt und beschimpft. Man kann sagen, die Gruppen unterscheiden sich lediglich in der Blickrichtung: In der ersten Gruppe entsteht das Knistern dadurch, dass der Sub zum Top aufblickt und in der zweiten Gruppe geht es darum, dass der Top auf den Sub hinabblickt.

Das lässt sich nicht immer so klar trennen, denn es kommt auch häufig eine Mischung aus beidem vor. Das Herausfinden, wie viel von dieser- oder jener Gruppe im Sub steckt, verleiht dem Spiel zusätzlich eine angenehme Würze.

Teilnehmer meiner dritten und besonders großen Gruppe wollen für den Aktiven eher das Lustobjekt sein, das aufgrund der „Behandlung“ durch den Aktiven (wie diese dann auch immer ausfällt) Wertschätzung dem eigenen Körper gegenüber empfindet. Der Sub freut sich darüber, auf seinen Körper reduziert – also einfach mal als rein sexuelles Objekt wahrgenommen zu werden, kurz: den Vorstellungen und Wünschen des Tops zu entsprechen.

Das gipfelt dann in Rape- (engl. Vergewaltigung-) Fantasien oder gar in der fast schon „mainstreamartigen Fantasie“, eine Hure zu sein, die für den Master anschaffen gehen darf und somit dann gleich Lustobjekt für mehrere Männer ist, dessen „Wert“ durch die Bezahlung noch deutlicher wird. Ich stehe auf diese Fantasie so sehr, dass ich Stand-Up-Dirty-Talk-Monologe dazu abhalten könnte. Bei der Hure, die den Arsch für den Zuhälter hinhalten würde, sind wir dann auch schon in der Schnittfläche zu der letzten Gruppe, bei der der psychosoziale Bezug am deutlichsten wird: Der Rollenspieler. Neben dem Zuhälter, Daddy oder dem Arzt spiele ich zum Beispiel oftmals den Hetero aus der Jugend des Subs, der dessen Homosexualität scharf verurteilt und im Verlauf selber homosexuelle Neigungen latent durchblicken lässt oder zumindest ein wenig zulässt.

In allen diesen Gruppen werden die Gefühlslagen durch Schmerzen und Fesselungen lediglich unterstützt. Auch die Kleidung (Leder, Latex oder gar ein Arzt-Outfit sowie die Nacktheit des Sklaven) manifestiert lediglich das Rollenbild. Selbst der Patient in der Klinik-Sitzung in authentischer medizinischer weißer Umgebung nebst Riesen-Sorbet an zugehörigen Spielzeugen – sowie die an den Augen verbundene Frau, die aufgrund des Masters Fesselkünste wehrlos an Seilen im Raum hängt oder gar der erwachsener Mann, der einem aus dem Babybett mit Windeln und Schnuller im Mund anschaut – alle stellen einen sozialen Bezug zu einem selber her und das Feuer des gesamten Spieles wird durch die Persönlichkeiten entfacht, die diese Rollen ausfüllen.

Sadomasochismus und Fetisch

Bei Fetischisten ist es sehr deutlich: Wer auf Füße, Kot, Urin, Erbrochenes, Furzen o.ä. steht, bevorzugt in der Regel diese Dinge direkt vom Körper des anderen aufzunehmen oder zu spüren.

Natürlich gibt es Leute, die die Pissrinne im Berghainer-Laboratory-Fick-Club auslecken, auch wenn sich dort nicht unmittelbar zur gleichen Zeit ein Hengst seines Natursektes entledigt hat. Aber würden diese Jungs das tun, wenn sie wüssten, dass dort Frauen reingepieselt haben? Natürlich nicht. Es geht ja nicht um den Urin als solches.

Ähnlich verhält es sich beim Gegenstandsfetischismus: Ich kann getragene Unterwäsche oder eingelaufene Schuhe an einen Fetischisten verschicken und er holt sich dann dabei ganz alleine mit diesem toten Gegenstand einen runter, obwohl er mich gar nicht kennt oder gesehen hat. Aber würde er das tun, wenn er kein Bild von mir hätte? Nein, in der Regel ist es nicht so.

Klar kenne ich Jungs, bei denen es im Sportgeschäft wirklich in der Hose zuckt, wenn sie eine neue Sneaker-Kollektion sehen oder andere, die durch den Geruch von Leder eine Gänsehaut von sexueller Erregung gezaubert bekommen. Aber geht es dann für den Fetischisten wirklich nach Kauf von Sneakers oder Lederhosen direkt nach Hause und wird dort dann wirklich ausgiebig an diesen fabrikneuen Sachen herumgeschnüffelt und zu himmelhohen Orgasmen gewichst? Natürlich nicht (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Nein, denn in der Regel werden Stiefel und Füße von einer Persönlichkeit geleckt, dessen Stiefel und Füße man eben lecken möchte. Man erträgt Schmerzen für jemanden, für den man das eben ertragen möchte oder durch dessen Schlag seine Rolle bzw. der Sinn des Spiels untermauert wird.

Also jenseits des Blümchensexes läuft auch nichts, ohne dass es einen sozialen Bezug hat? Auch wenn das Bild, was von uns Prügelnden-, Spuckenden-, Katheterlegenden-, Fistenden-, Leder & Latex-Teilnehmern des BDSM-Sektors etwas anderes vermitteln mag, gelten in einem Domina-Studio unterm Strich die gleichen Regeln wie bei der Kuschelnummer.

Selbst wenn die besten und authentischsten Roboter entwickelt würden, die herrlich Spanken – und Harnröhren stimulieren können, die erwachsene Männer in Windeln wickeln, größenverstellbare Fisting-Hände vorweisen und ganz fachmännisch einen Keuschheitsgürtel umlegen könnten: Mein Beruf ist krisensicher, denn so unerlässlich wie das Uran in einem Atomreaktor ist der persönliche Bezug in einer BDSM-Sitzung.

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